Dr. Florian Langenscheidt

"Die Kunst des Glücks"

Dr. Florian Langenscheidt spricht vor 1400 Gästen beim traditionellen Herbstvortrag

5. November 2019

Die Pointe des Abends gehörte dem Landrat: „Ich darf Ihnen sagen“, wandte Josef Laumer sich in seinem Grußwort an den Florian Langenscheidt, „Sie sind hier im schönsten Landkreis und der schönsten Stadt Deutschlands. Es gibt 401 Landkreise, Sie sind im schönsten.“
Und er empfahl: „Also seien Sie glücklich, dass Sie hier sein dürfen!“ Großer Applaus für den Landrat, und falls Eis im Saal gewesen wäre, wäre es nun gebrochen gewesen. Und Langenscheidt setzte sogar noch eins drauf: „In der schönsten Stadt, im schönsten Landkreis und vor dem attraktivsten Publikum sprechen zu dürfen“, teilte er ebenso heiter wie Laumer dem vollen Haus mit, „ist Glück per se.“
1400 Zuhörer waren zum Herbstvortrag der Volks- und Raiffeisenbanken in die Fraunhoferhalle gekommen, und was Langenscheidt noch glücklich machte, war die  Aufmerksamkeit, mit der die 1400 ihm folgten: Kein Starren aufs Handy, kein Flüstern mit dem Nachbarn, dieses Publikum hörte zu. Das allerdings lag auch an der Klasse des Referenten. Der Abend war durchaus ein Gewinn.

Glücksbegabt?
Ein einfacher Test

Langenscheidt, Ururenkel des Langenscheidt-Verlagsgründers, gilt als einer der besten deutschen Redner. Schon seit seiner Studienzeit beschäftigt der Verleger und Unternehmer sich mit der Forschung nach Glück. In seinem Vortrag bot er die Quintessenz dieser Forschung. Raiba-Chef Rainer Haas hatte zunächst in das Thema eingeführt, Bürgermeisterin Maria Stelzl hatte für ihr Grußwort „Glück“ gegoogelt und wissenschaftliche Belege entdeckt, dass auch Lob Glücksgefühle auslösen kann. Langenscheidt vertiefte das deutlich.
„Ob die Frau Bürgermeister glücksbegabt ist oder nicht“, sagt Langenscheidt nach etwa der Hälfte des Vortrags, „dazu muss ich nur eine Sache rausbringen über Sie: Ob Sie fähig sind zur Dankbarkeit.“ Und ergänzte: „Das Wichtigste an Gott ist für mich, dass ich jemanden habe, dem ich dankbar sein kann.“ Vieles kann Glücksmomente auslösen, sagt Langenscheidt, die Liebe zum Fußballverein genauso wie die Familie, Freunde oder die Natur. Aber was Langenscheidt nach vielen Jahrzehnten letztlich herausgefunden hat, sind Werte.
Dankbarkeit ist einer davon, Verantwortung übernehmen und sich um andere kümmern ebenso, Bescheidenheit auch. „Früher“, sagt Langenscheidt, „dachte ich, 50 Prozent mindestens kommt von außen. Heute sage ich: Höchstens zehn Prozent von außen, 90 Prozent von uns selber. Wir sind verantwortlich.“

„Kochen muss allerdings jeder selber“
Bei genauer Betrachtung läuft dieser Vortrag auf alte Weisheiten wie „Weniger ist mehr“, „Jeder ist seines Glückes Schmied“ hinaus, und wenn man es so formuliert, klingt es fast altmodisch. Langenscheidts Verdienst ist es, dass er in seinem Leben all diese Weisheiten hinterfragt hat und dabei als richtig erkannt hat. Das macht dieser Vortrag klar. „Ein ganz großer Glückskiller ist der Neid“, sagt Langenscheidt, „aber es gibt keinen Anlass für Neid. Jeder mit etwas Lebenserfahrung weiß, dass überall nur mit Wasser gekocht wird.“
Jeder Mensch lebt im Spannungsfeld zwischen Erfolg und Misserfolg, Glück und Unglück, „wir brauchen beides“, sagt Langenscheidt. Das ist die Paradoxie des Glücks, die er erkannt hat. Später bringt er dazu ein drastisches Beispiel,  er zitiert einen Satz der nach einem Motorradunfall querschnittgelähmten Schwimmerin Kirsten Bruhn. Sie hatte nach ihrem Sieg bei den Paralympics gesagt: „Paradox, wie der schrecklichste Moment des Lebens die Grundlage bildet für den schönsten.“
„Glück ist aus kleinen Momenten gestrickt“, sagt Langenscheidt, „und eine große Paradoxie in der Glücksforschung ist, dass ich am meisten für mein Glück tue, wenn ich mich um das Glück anderer kümmere.“ Und weil es beim Herbstvortrag üblich ist, dass der Volksbank-Chef den Abend noch einmal zusammenfasst, hatte das Schlusswort Edmund Wanner, und er fassende treffend zusammen: „Ein Rezept mit den Zutaten“, formulierte Wanner, „Kochen muss allerdings jeder selber.“

Zeitungsartikel von Wolfgang Engel, Straubinger Tagblatt, 7.11.2019